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"Kunst und Stein" Fachzeitschrift für Bildhauer und Steinmetze / 1993 Das Gleichgewicht der Steine (Stefan Paradowski)
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Ueli
Grass stellt im Zürichsee liegende Steine aufeinander. Der
Mensch steht in der Welt. Der Stein liegt im Wasser. Doch nachts liegt
er Mensch, und aus eigener Kraft ermag sich der Stein nicht
aufzurichten. Ueli Grass schlägt der Natur ein Schnippchen: Er stellt
die am Ufer verstreuten Steine
aufeinander. Das entstandene Bauwerk weist eine neuralgische Stelle
auf: der Berührungspunkt der Steine ist der taktisch zentrale Ort, der
seinen Preis hat, wenn ein Windstoss, ein Antippen, der Rückstoss eines
wegfliegenden Vogels genügt, die Balance der Steine zu erstören. "Atelier am See" (1993-94 hiess es noch so, nachher "Atelier im See" In den vergangenen Monaten war Ueli Grass immer wieder in seinem «Atelier am See» beim Zürichhorn anzutreffen. eine Tätigkeit bestand nicht in der Bearbeitung der Steine, sondern darin, dass er je in eine besondere Stellung zueinander setzte. Für den Fünfzigjährigen war es eine Art Freizeitbeschäftigung. Er war schon Mechaniker, Kaufmann, Koch, Masseur Fotograf und Lastwagenchauffeur. Heute
lebt er von einer bescheidenen IV-Rente. UeIi
Grass sieht seine Steinskulpturen auf Zeit ((als Symbol und Erinnerung
an unsere Macht und Ohnmacht, diese Welt zu beeinflussen». Manchmal
gelingt es ihm fast auf Anhieb, das Gleichgewicht der Steine zu finden,
manchmal benötigt er dazu mehrere Minuten, Immer aber braucht es Geduld
und Konzentration. Die
Balance von Stein und Mensch Das
Stellen der Steine verleiht ihnen nicht nur eine neue Stabilität. Die
Arbeit trägt meditative Züge, ist von Ruhe geprägt. Ueli Grass ist überzeugt
davon, dass zwischen der Balance der Steine und der des Menschen ein
Zusammenhang besteht. Vorgeschichtliche
Aura Stehen
die Steine einmal da, wirken sie wie eigentümliche Denkmale. Vergänglich
wie die Wellen des Wassers, irritieren sie vorübergehend unsere
Gewissheit über die festgefügte Welt. Die fragilen, im Wasser
weilenden Stelen hinterlassen auch einen rätselhaften Eindruck.
Vielleicht deshalb, weil sie so etwas wie eine vorgeschichtlich Aura
besitzen, an Menhire oder Dolmen erinnern. |
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"NZZ" (Neue Zürcher Zeitung) Januar 1995 Steine auf Zehenspitzen, bizarre Kunst im «Atelier am See»
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Ursula
Eichenberger.
Während
in den warmen Sommermonaten Glacestände, Jongleure und andere Strassenkünstler
die Seepromenade am Zürichhorn zu einem Spektakel unter freiem Himmel
werden lassen, hält während der kalten Wintermonate neben Marroniständen
nur der Steinkünstler UeIi Grass dem rauhen Wetter stand. Seine Art von Kunst ist ausschliesslich in
der Natur realisierbar, an einem Ort, wo sanfte Wellen harte Steine umspülen,
wo Trauerweiden mit ihren feinen Ästen die Wasseroberfläche
streicheln und wo die täglich anders gearteten Lichtverhältnisse seine
Kunstwerke in immer neue Szenerien einhüllen. Der
1943 geborene Grass, auf dessen ehemaliger Visitenkarte als
Berufsbezeichnung "Mensch"
angegeben war, stellt seit mehreren Monaten im wahrsten Sinne des Wortes
Steine auf Zehenspitzen. In dem von ihm selbst so bezeichneten «Atelier
im See» beim Zürichhorn sucht der Künstler entlang des Seeufers nach
optisch wirkungsvollen Steinen, ertastet mit ausgeprägtem
Fingerspitzengefühl und grosser Geduld deren Schwerpunkt und stellt die
bis zu 30 Kilogramm schweren Brocken aufeinander. Dabei dienen ihm grössere,
aus dem Wasser ragende Steine, deren Oberfläche von den Welten
praktisch nicht beeinflusst wird, als solide Grundlage und bieten den
Skulpturen so eine längere Wirkungsdauer. Nach eineinhalb Jahren
kunstvollen Steinestapelns kennt Grass die Oberflächen mit all ihren
Vorteilen und Tücken, Einbuchtungen und Unregelmässigkeiten praktisch
auswendig. Der Rekord liegt heute bei vier aufeinandergestapelten Blöcken,
die sich meistens nur auf einer Fläche von wenigen Quadratmillimetern
berühren und aus einiger Entfernung beinahe zu schweben scheinen. Trotz
seiner unglaublichen Fingerfertigkeit und endlosen Geduld meint der Künstler,
auch ihm gelinge es nicht, zwei geschliffene Kugeln aufeinanderzustellen.
Grass`s Skulpturen sind keine ewigen Denkmäler. Oft steht eine
Kombination nur wenige Stunden, denn bereits ein zarter Windhauch oder
eine kleine, übermütige Welle genügt, um die Kunstwerke zu Fall zu
bringen. Häufig betritt der Künstler am Morgen seine «Werkstube»,
ohne auch nur eine der am vorangehenden Tag aufgebauten Skulpturen
wieder vorzufinden. Dann beginnt abermals die Suche nach Formen, Oberflächen
und Kombinationsmöglichkeiten, und es entstehen wieder ganz anders
wirkende Gebilde. Die
Reaktion des Publikums ist unterschiedlich, doch bleibt von diesen
Balanceakten niemand unberührt. Jung und Alt bleiben fasziniert
stehen, fragen nach, ob sich zwischen den Steinen denn auch wirklich
kein magischer Klebstoff verberge, versuchen — oft umsonst — ihre
eigenen Fähigkeiten im Steinestapeln auszuloten oder verweilen bei
meditativen Tönen, die aus dem
Kassettenrekorder des Künstlers sanft ertönen. Bewegt berichtet Ueli
Grass von einem jungen Paar, das beschloss, sich inmitten der wellenumspülten
Steinskulpturen trauen
zu lassen. — Sofern nicht Regenwolken
über der Seepromenade hängen oder Schneeflocken auf den Steinen
sitzen, arbeitet Grass praktisch täglich. Auch in den Wintermonaten
bettet die Natur seine Kunstwerke in eine einmalige Stimmung ein. Gerade
im oft diffusen Licht der kühleren Jahreszeit erscheinen die
Steinskulpturen in grosser Harmonie zur glatten Seeoberfläche. Der Künstler
selbst arbeitet im Winter sogar lieber, da das Publikum zirkuliere, mehr
Bewegung herrsche und seine «Werkstatt» nicht allzu überfüllt sei. Bis
Mitte November war Grass trotz eiskaltem Wasser barfuss und in Badehose
anzutreffen, seit einigen Tagen zwingen ihn die kühlen Temperaturen des
Sees in hohe Fischerstiefel, denn trotz der grossen Routine steht der Künstler
oft viele Minuten im Wasser, um mit grösster Konzentration und Hingabe
Stein auf Stein zu stellen.
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