|
Hugo Kükelhaus war ein universaler Denker, der auf zentrale Probleme unserer Zeit aufmerksam gemacht hat, aber auch Wege zu ihrer Überwindung wies. Er sah den Menschen der modernen, technischen Zivilisation gegenüber seinen leiblichen und seelischen Kräften verarmen und aus dem Lot geraten. Ursächlich hierfür erkannte er ein Wertesystem, das den Intellekt aus der Ganzheit der menschlichen Fähigkeiten einseitig heraushebt, sowie eine Technik und Umweltgestaltung, die auf eine Entlastung des Körpers und der Sinne statt auf deren Herausforderung angelegt ist.
Eine immer eintöniger werdende Umwelt, die den Sinnen nichts zu 'tun'
übrig läßt und den grundlegenden körperlichen Erfahrungs- und Entwicklungsmöglichkeiten immer weniger (Spiel)Raum gibt - Kükelhaus spricht geradezu von 'Lebensentzug' - korrespondierte in seinen Augen mit einer künstlichen Reizüberflutung, die durch die Überforderung bestimmter Sinne wie Sehen und Hören zum weiteren Abbau einer differenzierten Wahrnehmungsfähigkeit beiträgt. Unermüdlich zeigte er die verheerenden Folgen für das menschliche Verhalten in allen Bezügen auf - zu sich selbst, zu den Mitmenschen, zu Natur und Technik.
Die Wichtigkeit vielfältiger sinnlicher Erfahrungen - von Anfang an - unterstrich er bereits Ende der 30er Jahre durch die Entwicklung des Spielzeugs "Allbedeut", Holzspielzeuge zur Förderung der Sinne in den ersten Lebensjahren. Kükelhaus entwarf diese Spielzeuge unter dem Eindruck der Fröbelpädagogik und einer an Bedeutung gewinnenden Entwicklungspsychologie. Unter der Bezeichnung 'Greiflinge' erhielten sie später zahlreiche Auszeichnungen und Kükelhaus wurde durch sie zum Wegbereiter heutiger Greifspielzeuge für Kleinstkinder.
Seine kulturkritischen und humanökologischen Erkenntnisse und Anliegen verbreitete Hugo Kükelhaus über viele Jahre hinweg durch eine intensive Vortrags- und Lehrtätigkeit, sowie durch zahlreichen Schriften und Vorträge. Im Jahre 1934 veröffentlichte er sein erstes großes Werk 'Urzahl und Gebärde', dem viele andere folgten, u. a. 'Werde Tischler' (1936), 'Das Wort des Johannes' (1953), 'Organismus und Technik' (1971), 'Unmenschliche Architektur' (1973) und 'Entfaltung der Sinne' (mit Rudolf zur Lippe, 1982).
Lange Zeit stand Kükelhaus als eine Art 'Rufer in der Wüste' da, wenn er vortrug und schrieb, daß es auf das Sehen dessen, was vor Augen liegt ankomme, auf das 'geringe Tun' der menschlichen Sinnes- und Wahrnehmungsorgane, auf deren Übung durch Inanspruchnahme und Herausforderung: ???Wir müssen es tun. Erfahren hat eben mit fahren zu tun. Hier liegt die Hürde. Wir sind seit Jahrhunderten darin geübt, die Erfahrung durch die Kenntnis zu ersetzen. Und leben in einer Ersatzwelt!“
Erst mit der Entwicklung des 'Erfahrungsfeldes zur Entfaltung der Sinne' gelang es Kükelhaus, einem breiten Publikum sein Anliegen nahe zu bringen. Als Wanderausstellung wurde das 'Erfahrungsfeld' seit der Mitte der 70er Jahre an zahlreichen Orten im In- und Ausland gezeigt. Im aktiven Umgang mit den ca. 40 Experimentier- und Spielstationen wird den Menschen die Möglichkeit geboten, die Gesetzlichkeiten der
äußeren Natur' (wie z.B. Schwingung, Schwerkraft, Polarität, Farbe usw.), in ihren gegenseitigen Wirkzusammenhängen mit den physiologischen Gesetzlichkeiten ihrer 'inneren Natur', sprich der Sinnesvorgänge und Körperbewegungen, vegetativ unmittelbar zu erfahren. Die - oft schon verkümmerte - Fähigkeit zur Sinneserfahrung wird im Erfahrungsfeld wieder angeregt oder erweitert, so daß man neu erleben kann,
... wie das Auge sieht - das Ohr hört - die Nase riecht - die Haut fühlt - die Finger tasten - der Fuß
(versteht - die Hand (be)greift das Gehirn denkt - die Lunge atmet - das Blut pulst - der Körper schwingt - ... .“
Das 'Erfahrungsfeld' war für Kükelhaus aber nur ein methodischer Ansatz, sensibilisierend, bewußtmachend und ausgleichend auf die von ihm aufgezeigten Defizite zu wirken. Und solange es nicht zu einer grundsätzlichen Umorientierung und Umgestaltung unserer Welt kommt, wird dieses Erfahrungsfeld - und das, was in Anlehnung daran vielerorts neu aufgebaut wird - seine Aktualität und Notwendigkeit nicht einbüßen.
Die eher späte Rezeption der Gedanken von Hugo Kükelhaus im wissenschaftlichen Bereich hängt sicher mit den Schwierigkeiten zusammen, die sein integraler, zwischen Natur- und Geisteswissenschaften vermittelnder Denkansatz vielfach bereitete. Seitdem aber - insbesondere im Hinblick auf Wahrnehmungs-, Bewegungs- und Lernstörungen bei Kindern - die negativen Folgen einer jahrzehntelangen Geringschätzung vielfältigster körperlicher und sinnlicher Erfahrungsmöglichkeiten immer deutlicher werden, richtet sich heute - in besonderem Maße vermittelt durch das 'Erfahrungsfeld' - die Aufmerksamkeit verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen auf Hugo Kükelhaus, der als Wegbereiter eines ganzheitlichen Ansatzes entdeckt wird, der die Leib- und Sinneserfahrungen im
Bildungsprozess ernst nimmt.
Lebhaft beschäftigte Kükelhaus sich auch mit Fragen des Bauens und Wohnens. Im Bereich der Architektur hat er seit Anfang der 70er Jahre die 'modernen', sich aber immer lebensfeindlicher gebärdenden Architekturtendenzen wesentlich kritisiert und die Grundlinien eines 'organlogischen' Bauens entwickelt, einer an den Bedürfnissen der menschlichen Sinne und des menschlichen Organismus orientierten Bauweise. Für Kükelhaus war das menschengerechte, maßvolle Bauen und Gestalten ein lebenslanges erzieherisches Anliegen.
Über die bisher angesprochenen Bereiche hinaus arbeitete Hugo Kükelhaus gestalterisch und künstlerisch in vielfältiger Form: als Entwerfer
von Möbeln, als lllustrator (z.B. von handwerklichen Herstellungsverfahren) und Grafiker, als Bildhauer, als Zeichner und Verfasser von Bildgeschichten und Parabeln (Träumling u.a.). Viele seiner Arbeiten sind architekturgebunden: Farbgestaltung, Farbglasfensterentwürfe, Sgraffitos und Wandmalereien, die er auch selbst ausführte, sowie Bauplastiken. Weiterhin forschte er über Goethe, setzte sich mit grundlegenden Fragen handwerklicher Formgebung auseinander und schrieb philosophische Essays. Einen starken Eindruck von seinem umfassenden gestalterischen Impetus vermitteln seine kalligraphischen, vielfach illustrierten Briefe und Buchmanuskripte sowie auch die Einrichtung seines Wohnhauses in Soest.
Trotz aller Vielfältigkeit standen seine Tätigkeiten immer in Korrespondenz miteinander. Kükelhaus war
'disziplinlos‘ im besten Sinne des Wortes: Er verschrieb sich keiner Fachrichtung, akzeptierte keine Schranken des Denkens und stellte Verbindungen zwischen den verschiedensten Disziplinen her.
Die Bandbreite der Rezeption seines Werkes reicht heute von der wissenschaftlichen Auseinandersetzung unterschiedlichster Fachrichtungen über die praktische Umsetzung in pädagogischen Einrichtungen und Experimentier-Museen bis hin zu Annäherungen aus anthroposophischen und esoterischen Perspektiven.
Aufgrund seiner elementaren Lebenslehre, die mystische und östlich geprägte Weisheiten sowie moderne naturwissenschaftliche Kenntnisse auf eine ganz eigenständige Art und Weise integriert, wurde Kükelhaus gelegentlich als ???unentdeckter Guru“ bezeichnet. Doch ihm selbst waren Anhänger und Bewunderer zeitlebens suspekt. Er wollte nie eine Weltanschauung mit unabänderlichen Wahrheiten verbreiten - viel zu groß war die in seinen grundlegenden Gedanken implizierte Offenheit.
Was Kükelhaus wollte, war Menschen Erfahrungen zu ermöglichen um sie anzuregen und zu ermutigen, selbst Fragen zu stellen, wie sie ihre Lebensbereiche so gestalten können, damit sie sich mit all ihren Möglichkeiten und Fähigkeiten entfalten können anstatt sich immer mehr die eigene Lebensgrundlage zu entziehen.
Was Kükelhaus hinterlassen hat, das sind Aufforderungen zum Tun, Methoden statt Meinungen, Anleitungen zur Selbsterfahrung durch Eigentätigkeit - zu einem Leben im vollen Sinne eben. Nicht mehr, aber auch nicht weniger..
Mit freundlicher Genehmigung der
" Hugo Kükelhaus Gesellschaft e.V."
www.hugo-kuekelhaus.de
|
Hugo Kükelhaus 1984
"Komplementär zur Umwandlung des eigenen Planeten in einen Müllhaufen baut der Mensch auch seinen eigenen Organismus ab, insbesondere seine Umweltorgane.“
"Das Leben lebt vom Reiz. Der Reiz seinerseits ist wiederum etwas sehr Verletzliches - das heißt, er darf weder zu stark noch zu schwach sein. Schwache Reize führen zur Entstehung von Organen, mittelstarke kräftigen sie; starke Reize hemmen und überstarke Reize zerstören.“

Aus dem Spielzeug "Allbedeut"

"Die gesamte Biologie unseres Lernens ist durch die entdinglichte Form unserer Lebenssituation in Gefahr, an organischer Reizarmut zu verkümmern. Kükelhaus hat mit seinen didaktischen Konzepten ... den Weg in eine neue Qualität von Lernen gewiesen, ... ein Lernen, in dem es sinnvoll und selbsterkennend zugeht, das Hunger macht nach eigenständigem Lernen, das der Auslieferung an Ersatz- und Scheinwelten entgegenwirkt."

... wie der Fuß (ver)steht und fühlt - ...
"Um so mehr haben wir Hugo Kükelhaus zu danken, daß er auf so vielen Gebieten wesentliche Impulse gegeben hat, wie man die Zusammenhänge zwischen unserem Denken und der konkreten Wirklichkeit wieder auf erlebbare Weise erfahren kann.“
"Es ist in den letzten Jahren immer deutlicher geworden, daß Kükelhaus mit seinen Gedanken zu Fragen der Pädagogik seiner Zeit weit voraus war und schon sehr früh in Bereiche vorgestoßen ist, die erst im letzten Jahrzehnt von der Pädagogik zunehmend in ihrer Bedeutung erkannt und thematisiert worden sind. Insbesondere ist hiermit die Wiederentdeckung des Körpers und der Sinne in ihrer Bedeutung für die (Heil-)Pädagogik gemeint ... Kükelhaus setzte sich ein für eine Rehabilitation der Sinne im Unterricht, für eine, ganzheitliche Bildung des Menschen,..., für ein auf Wahrnehmung, Aktivität, Erfahrung, Spiel und Freude beruhendes Lernen, in das der situative und architektonische Kontext mit einbezogen sind."

"Kükelhaus hat einen eigenständigen gedanklichen Beitrag zum Bauen geleistet, der Architektur mehr zum Individuellen, zum Toleranten, zum Natürlichen, zum Rücksichtsvollen, zum Sinnhaften führen kann."

"Niemand begreift ihn ganz, aber jeder kann sich von ihm holen, was er braucht.“
Uta Joeressen
"Wenn ich Erfolg hätte, würde ich sagen, ich bin gescheitert"

|