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Rüttihubelbad
Das
Sensorium im Rüttihubelbad ist eröffnet
Seit dem 1. Januar ist das Sensorium im Rüttihubelbad geöffnet. An 40
Stationen werden unsere fünf Sinne auf verblüffende Art und Weise
aktiviert. Am Eröffnungsfest vom 17./18. Januar erhalten Besucherinnen
und Besucher Gelegenheit, das Sensorium zu entdecken.
Silvia Ben el Warda-Wullschläger
Anfassen erlaubt. Was in den meisten Museen als Tabu gilt, ist im
Sensorium in Walkringen ein Muss. Reto Störi weiss, wovon er spricht.
Er war seit 1999 im Direktionsstab des Historischen Museums in Bern und
ist nun seit sechs Wochen Leiter des Sensoriums im Rüttihubelbad . Er
ist überzeugt von der Idee, die dargestellten Naturphänomene erlebbar,
erfahrbar zu machen. «Da geht es für einmal nicht um physikalisches
Wissen, dieses blockiert einen vielmehr. Das Kopfwissen darf über Bord
geworfen werden.» Eindrücklicher und fassbarer ist, hinter dem Gong
mitzufibrieren, Steine zum Klingen zu bringen oder mittels Geigenbogen
Sand auf einer Kupferplatte zu einem geometrischen Muster zu
«erschwingen». Drehende Scheiben führen das Auge in die Irre, gänzlich
hilflos ist es im Dunkelraum, und durch das Hörrohr werden Laute
gelauscht, die sonst nicht wahrgenommen werden. Für Überraschungen ist
also gesorgt.
Spielerisch entdecken
Die Sensorium -Idee geht auf Hugo Kükelhaus zurück, ein Pädagoge,
Handwerker, Philosoph, Künstler, Forscher und Schriftsteller, der von
1900 bis 1984 lebte. Sein Ziel war es, dass der Besucher erfährt «wie
das Auge sieht, das Ohr hört, die Nase riecht, die Haut fühlt, die
Finger tasten, der Fuss versteht, die Hand begreift, das Gehirn denkt,
die Lunge atmet, das Blut pulst, der Körper schwingt.» Reto Störi
findet den Gedanken faszinierend, dass die Sinne des Menschen einziger
Kontakt zur Aussenwelt darstellen und dementsprechend gefördert werden
sollen. Aber auch der spielerischen Seite des Menschen wird in der
Dauerausstellung Rechnung getragen. An allen Stationen können die
Besucherinnen und Besucher etwas bewegen, drehen, schlagen, berühren.
Auch deshalb ist das Sensorium gerade für Kinder und Jugendliche ein
interessanter und spannender Ort. «Hier sind es oft die Kinder, welche
die Eltern anleiten und ermutigen, anzufassen, zu spielen», hat Reto
Störi schon beobachtet.
200 Besucher pro Tag
Der Sensorium -Leiter ist mit der Besucherresonanz in den ersten Tagen
nach der Eröffnung zufrieden. Täglich seien mehr Leute gekommen. Um den
budgetierten Umsatz von jährlich rund einer Million Franken zu
erreichen, sind pro Tag 200 Eintritte nötig. Reto Störi ist überzeugt,
dass dieses Ziel erreicht werden kann. Zuversichtlich stimmen ihn die
25 Partner, welche das Projekt mittragen. Darunter figurieren Namen und
Institutionen wie der Regierungsrat des Kantons Bern, Coop,
Regionalverkehr Bern Solothurn RBS, Weleda, Pro Emmental, Pro
Juventute, Lehrerinnen und Lehrer Bern sowie Verein Elternbildung
Kanton Bern. «Wir werden Synergien mit diesen Partnern nutzen und
beispielsweise in deren Publikationen werben können.» Zu beginn will
Reto Störi in erster Linie den Raum Bern und das Emmental ansprechen,
später den Raum Espace Mittelland. Im nächsten Jahr soll dann in der
Westschweiz gezielt geworben werden.
Das Sensorium im Hallenbad
Das Sensorium seinerseits soll auch zu einem Publikumsmagnet für das
Rüttihubelbad werden und mithelfen, das Restaurant und Hotel besser
auszulasten, aber auch Kunden für den Seminar- und Kulturbereich zu
gewinnen. «Ein Kulturprojekt dieser Art kann keine grosse Rendite
erbringen», erklärt Störi, «aber wenn es selbsttragend ist und den
Namen Rüttihubelbad bekannter macht, ist ein wichtiges Ziel erreicht.»
Das Sensorium passe nahtlos in das heutige Angebot der Stiftung. Sogar
die Räumlichkeiten dafür standen im Rohbau bereit, es handelt sich um
das ursprünglich geplante Hallenbad. Beim Innenausbau wurde vornehmlich
Holz verwendet. In einigen Bereichen sei der Rohbaucharakter bewusst
belassen worden, erklärt Reto Störi. Die gesamte Planungs- und Bauzeit
betrug ein Jahr, die Gesamtkosten belaufen sich auf 1,5 Millionen
Franken.
Das Sensorium
Auf den 1. Januar öffnete das Sensorium im Rüttihubelbad Walkringen
seine Tore. Nach vier Jahren in Frauenfeld (rund 250’000 Besucher) hat
es nun seinen neuen Standort im Emmental gefunden. Die Ausstellung ist
von Dienstag bis Freitag von 9 bis 17 Uhr und Samstag/Sonntag und an
Feiertagen von 10 bis 18 Uhr offen. Die Eintrittspreise bewegen sich
zwischen 16 Franken (Erwachsene) und neun Franken (Kinder). Am 17./18.
Januar wird zu einem Eröffnungsfest eingeladen. Rund um das
Rüttihubelbad findet ein Markt mit Ständen, Musik und Attraktionen
statt. Mit dem Festabzeichen für fünf Franken (einem «Fliegenauge», das
uns die Welt kaleidoskop-artig auffächert) kann das Sensorium besucht
und kennengelernt werden.
Hugo
Kükelhaus
Hugo Kükelhaus war ein universaler Denker, der auf zentrale Probleme unserer Zeit aufmerksam gemacht hat, aber auch Wege zu ihrer Überwindung wies. Er sah den Menschen der modernen, technischen Zivilisation gegenüber seinen leiblichen und seelischen Kräften verarmen und aus dem Lot geraten. Ursächlich hierfür erkannte er ein Wertesystem, das den Intellekt aus der Ganzheit der menschlichen Fähigkeiten einseitig heraushebt, sowie eine Technik und Umweltgestaltung, die auf eine Entlastung des Körpers und der Sinne statt auf deren Herausforderung angelegt ist.
Eine immer eintöniger werdende Umwelt, die den Sinnen nichts zu 'tun' übrigläßt und den grundlegenden körperlichen Erfahrungs- und Entwicklungsmöglichkeiten immer weniger (Spiel)Raum gibt - Kükelhaus spricht geradezu von 'Lebensentzug' - korrespondierte in seinen Augen mit einer künstlichen Reizüberflutung, die durch die Überforderung bestimmter Sinne wie Sehen und Hören zum weiteren Abbau einer differenzierten Wahrnehmungsfähigkeit beiträgt. Unermüdlich zeigte er die verheerenden Folgen für das menschliche Verhalten in allen Bezügen auf - zu sich selbst, zu den Mitmenschen, zu Natur und Technik.
Die Wichtigkeit vielfältiger sinnlicher Erfahrungen - von Anfang an - unterstrich er bereits Ende der 30er Jahre durch die Entwicklung des Spielzeugs "Allbedeut", Holzspielzeuge zur Förderung der Sinne in den ersten Lebensjahren.
Kükelhaus entwarf diese Spielzeuge unter dem Eindruck der Fröbelpädagogik und einer an Bedeutung gewinnenden Entwicklungspsychologie. Unter der Bezeichnung 'Greiflinge' erhielten sie später zahlreiche Auszeichnungen und Kükelhaus wurde durch sie zum Wegbereiter heutiger Greifspielzeuge für Kleinstkinder.
Seine kulturkritischen und humanökologischen Erkenntnisse und Anliegen verbreitete Hugo Kükelhaus über viele Jahre hinweg durch eine intensive Vortrags- und Lehrtätigkeit, sowie durch zahlreichen Schriften und Vorträge. Im Jahre 1934 veröffentlichte er sein erstes großes Werk 'Urzahl und Gebärde', dem viele andere folgten, u. a. 'Werde Tischler' (1936), 'Das Wort des Johannes' (1953), 'Organismus und Technik' (1971), 'Unmenschliche Architektur' (1973) und 'Entfaltung der Sinne' (mit Rudolf zur Lippe, 1982).
Lange Zeit stand Kükelhaus als eine Art 'Rufer in der Wüste' da, wenn er vortrug und schrieb, daß es auf das Sehen dessen, was vor Augen liegt ankomme, auf das 'geringe Tun' der menschlichen Sinnes- und Wahrnehmungsorgane, auf deren Übung durch Inanspruchnahme und Herausforderung:
Wir müssen es tun. Erfahren hat eben mit fahren zu tun. Hier liegt die Hürde. Wir sind seit Jahrhunderten darin geübt, die Erfahrung durch die Kenntnis zu ersetzen. Und leben in einer Ersatzwelt!“
Erst mit der Entwicklung des 'Erfahrungsfeldes zur Entfaltung der Sinne' gelang es
Kükelhaus, einem breiten Publikum sein Anliegen nahe zu bringen. Als Wanderausstellung wurde das 'Erfahrungsfeld' seit der Mitte der 70er Jahre an zahlreichen Orten im In- und Ausland gezeigt. Im aktiven Umgang mit den ca. 40 Experimentier- und Spielstationen wird den Menschen die Möglichkeit geboten, die Gesetzlichkeiten der 'äußeren Natur' (wie z.B. Schwingung, Schwerkraft, Polarität, Farbe usw.), in ihren gegenseitigen Wirkzusammenhängen mit den physiologischen Gesetzlichkeiten ihrer 'inneren Natur', sprich der Sinnesvorgänge und Körperbewegungen, vegetativ unmittelbar zu erfahren. Die - oft schon verkümmerte - Fähigkeit zur Sinneserfahrung wird im Erfahrungsfeld wieder angeregt oder erweitert, so daß man neu erleben kann, ... wie das Auge sieht - das Ohr hört - die Nase riecht - die Haut fühlt - die Finger tasten - der Fuß (ver)steht - die Hand (be)greift das Gehirn denkt - die Lunge atmet - das Blut pulst - der Körper schwingt - ... .“
Das 'Erfahrungsfeld' war für Kükelhaus aber nur ein methodischer Ansatz, sensibilisierend, bewußtmachend und ausgleichend auf die von ihm aufgezeigten Defizite zu wirken. Und solange es nicht zu einer grundsätzlichen Umorientierung und Umgestaltung unserer Welt kommt, wird dieses Erfahrungsfeld - und das, was in Anlehnung daran vielerorts neu aufgebaut wird - seine Aktualität und Notwendigkeit nicht einbüßen.
Die eher späte Rezeption der Gedanken von Hugo Kükelhaus im wissenschaftlichen Bereich hängt sicher mit den Schwierigkeiten zusammen, die sein integraler, zwischen Natur- und Geisteswissenschaften vermittelnder Denkansatz vielfach bereitete. Seitdem aber - insbesondere im Hinblick auf Wahrnehmungs-, Bewegungs- und Lernstörungen bei Kindern - die negativen Folgen einer jahrzehntelangen Geringschätzung vielfältigster körperlicher und sinnlicher Erfahrungsmöglichkeiten immer deutlicher werden, richtet sich heute - in besonderem Maße vermittelt durch das 'Erfahrungsfeld' - die Aufmerksamkeit verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen auf Hugo Kükelhaus, der als Wegbereiter eines ganzheitlichen Ansatzes entdeckt wird, der die Leib- und Sinneserfahrungen im Bildungsprozeß ernst nimmt.
Lebhaft beschäftigte Kükelhaus sich auch mit Fragen des Bauens und Wohnens. Im Bereich der Architektur hat er seit Anfang der 70er Jahre die 'modernen', sich aber immer lebensfeindlicher gebärdenden Architekturtendenzen wesentlich kritisiert und die Grundlinien eines 'organlogischen' Bauens entwickelt, einer an den Bedürfnissen der menschlichen Sinne und des menschlichen Organismus orientierten Bauweise. Für Kükelhaus war das menschengerechte, maßvolle Bauen und Gestalten ein lebenslanges erzieherisches Anliegen.
Über die bisher angesprochenen Bereiche hinaus arbeitete Hugo Kükelhaus gestalterisch und künstlerisch in vielfältiger Form: als Entwerfer vonMöbeln, als lllustrator (z.B. von handwerklichen Herstellungsverfahren) und Grafiker, als Bildhauer, als Zeichner und Verfasser von Bildgeschichten und Parabeln (Träumling u.a.). Viele seiner Arbeiten sind architekturgebunden: Farbgestaltung, Farbglasfensterentwürfe, Sgraffitos und Wandmalereien, die er auch selbst ausführte, sowie Bauplastiken. Weiterhin forschte er über Goethe, setzte sich mit grundlegenden Fragen handwerklicher Formgebung auseinander und schrieb philosophische Essays. Einen starken Eindruck von seinem umfassenden gestalterischen Impetus vermitteln seine kalligraphischen, vielfach illustrierten Briefe und Buchmanuskripte sowie auch die Einrichtung seines Wohnhauses in Soest.
Trotz aller Vielfältigkeit standen seine Tätigkeiten immer in Korrespondenz miteinander. Kükelhaus war 'disziplin-los‘ im besten Sinne des Wortes: Er verschrieb sich keiner Fachrichtung, akzeptierte keine Schranken des Denkens und stellte Verbindungen zwischen den verschiedensten Disziplinen her.
Die Bandbreite der Rezeption seines Werkes reicht heute von der wissenschaftlichen Auseinandersetzung unterschiedlichster Fachrichtungen über die praktische Umsetzung in pädagogischen Einrichtungen und Experimentier-Museen bis hin zu Annäherungen aus anthroposophischen und esoterischen Perspektiven.
Aufgrund seiner elementaren Lebenslehre, die mystische und östlich geprägte Weisheiten sowie moderne naturwissenschaftliche Kenntnisse auf eine ganz eigenständige Art und Weise integriert, wurde Kükelhaus gelegentlich als
unentdeckter Guru“ bezeichnet. Doch ihm selbst waren Anhänger und Bewunderer zeitlebens suspekt. Er wollte nie eine Weltanschauung mit unabänderlichen Wahrheiten verbreiten - viel zu groß war die in seinen grundlegenden Gedanken implizierte Offenheit.
Was Kükelhaus wollte, war Menschen Erfahrungen zu ermöglichen um sie anzuregen und zu ermutigen, selbst Fragen zu stellen, wie sie ihre Lebensbereiche so gestalten können, damit sie sich mit all ihren Möglichkeiten und Fähigkeiten entfalten können anstatt sich immer mehr die eigene Lebensgrundlage zu entziehen.
Was Kükelhaus hinterlassen hat, das sind Aufforderungen zum Tun, Methoden statt Meinungen, Anleitungen zur Selbsterfahrung durch Eigentätigkeit - zu einem Leben im vollen Sinne eben. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
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